
Der württembergische Arzt Justinus Kerner erforschte bereits 1822 den „in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoff“. Der Name Botulinumtoxin geht zurück auf den lat. Begriff „botulus“, was so viel wie essbare Innereien, oder Wurst bedeutet. Toxin ist die Bezeichnung für Gift.
Produziert wird Botulinumtoxin von einem stäbchenförmigen Bakterium namens Clostridium botulinum und zählt somit zu den Bakterieneinweißen. Das Bakterium vermehrt sich unter sauerstofffreien Bedingungen unter Produktion dieses Stoffes. Häufig trat es daher in nicht gekühlten Essensvorräten auf, und rief bei deren Genuss den Botulismus (Lebensmittelvergiftung) hervor. Das Gift verträgt keine Hitze. Bei Erhitzung von Speisen auf 100 Grad wird es unwirksam.
Bei hoher Dosierung und wenn nicht rechtzeitig ein Gegenmittel verabreicht wird, kann es beim Verzehr zu Atemlähmung bis hin zum Tod kommen. Botulinumtoxin existiert in sieben Varianten, von denen lediglich einige im menschlichen Organismus wirksam sind. Für die im Folgenden beschriebenen Anwendungsgebiete sind derzeit Präparate mit den Wirkstoffen Botulinumtoxin A und B auf dem Markt. Botulinumtoxin ist rezeptpflichtig und derzeit u.a. unter folgenden Markennamen erhältlich: Botox, Dysport, Xeomin, Vistabel.

Botulinumtoxin hat umgangssprachlich in den letzten Jahren als „Botox“ in der Bekämpfung von mimischen Falten als „Nervengift“ Furore gemacht. Die unten aufgeführten Einsatzgebiete in der Medizin, die weit länger existieren und vielen erkrankten Patienten wirkungsvoll Hilfe bieten, sind den meisten Menschen unbekannt, da sie nicht publikumswirksam vermarktet wurden.
Störend erscheint dabei vielen Menschen bereits der Namenszusatz „gift“ oder „toxin“. In diesem Zusammenhang sollte immer mit bedacht werden, dass nahezu jedes der uns bekannten Substanzen mit Wirksamkeit gegen diverse Krankheitsbilder in falscher und/oder zu hoher Dosierung tödlich wirken können.
Dazu zählen Schmerzmittel ebenso wie Mittel gegen Diabetes oder auch einfache fiebersenkende Medikamente oder Schlaftabletten. Erst die richtige, auf das Krankheitsbild abgestimmte Dosierung der Medikamente verbreitet seine heilsame Wirkung. Warum ausgerechnet Botulinumtoxin medienwirksam mit oft negativer Presse in Verbindung gebracht wird, lässt sich medizinisch nicht nachvollziehen und folgt eigenen Gesetzen der Medienwelt.
Auch die Homöopathie arbeitet mit Wirkstoffen aus der Natur – auch mit solchen, die in Ihrer Reinform für den Menschen ebenfalls tödlich sein können, wenn Sie falsch dosiert werden (Bsp: Tollkirsche, oral verabreicht tödlich, in Globuli-Form als „Belladonna“ z.B. gegen Fieber eingesetzt). Die komplette Entwicklung aller Substanzen mit Wirkcharakter geht letztendlich weltweit auf unter Umständen in Reinform giftige Substanzen zurück.
Um einen Muskel anzuspannen wird vom Gehirn ein Befehl an die Muskeln zur Kontraktion abgesetzt. Die Übermittlung erfolgt elektrische Nervenleitung sowie chemische Botenstoffübertragung zwischen den Nervenenden, den Synapsen.
Botulinumtoxin blockiert die chemische Sender-Empfänger Strecke zwischen den Nervenzellen, so dass keine willentliche oder unwillkürliche – über das parasympathische Nervensystem (z.B. bei Stress) abgesetzte – Anspannung der Muskeln mehr möglich ist.
Diese „Lähmung“ ist jedoch reversibel, nach 3-9 Monaten (je nach Anwendungsweise und –ort) bilden die Nervenenden neue Verbindungsmöglichkeiten aus und die Wirkung endet.
Spannungshaarausfall entsteht auf Basis einer erblichen Überempfindlichkeit der Haarwurzeln gegen DHT. Ausgelöst wird die übermäßige Anlagerung dieses Hormonderivats durch starke Dauerverspannungen der Kopfhautmuskulatur. Durch diese Anspannung werden Blut-, Sauerstoff- und Nährstoffversorgung hin zur Haarwurzelzelle so stark reduziert, dass normale biologische Prozesse nicht mehr vollständig ablaufen können. DHT lagert sich an. Die Haarwurzel verhornt. Das Haar fällt aus.
Wird an den richtigen Stellen (25-30 Stellen) der Kopfhautmuskulatur Botulinumtoxin injiziert, entspannt sich die Muskulatur. Sauer- und Nährstoffversorgung können durch die wiederhergestellte Blutzirkulation auf ein normales Maß angehoben werden. Die Haarwurzeln werden wieder versorgt. Der Haarausfall kann gestoppt werden, sich in Ruhephase befindende Haarwurzeln können wieder neues Haar produzieren. Im Juni 2009 fand sich in BILD-online ein Artikel zum Thema „Botox hilft gegen Glatze“.
Bei allen im folgenden beschriebenen Einsatzgebieten wird das Medikament in 10000-facher Verdünnung lokal direkt in die betroffenen Muskeln oder Muskelgruppen eingespritzt, um dort die Reizüberflutung zu unterbinden.
Krampfzustände und Bewegungsstörungen (seit Anfang 1970) - zugelassen
Ursprünglich wurde die muskellähmende Wirkung von Botulinumtoxin gegen jede Art von Dystonien, d.h. unwillkürlichen Krampfzuständen, verwendet. Dazu gehören z.B. der Schiefhals, Lidkrampf, Schielen oder Krämpfen der Hände oder Füße (Spasmen).
Hyperhidrose – übermäßiges Schwitzen - zugelassen
Bei diesem Einsatzgebiet lähmt Botulinumtoxin die Reizleitung an die Schweißdrüsen, so dass die übermäßige Produktion von Schweiß an Händen, unter den Achseln oder im Gesicht gehemmt wird.
Faltentherapie – seit neuestem zugelassen
Auch im kosmetischen Bereich findet Botulinumtoxin , vorwiegend unter dem umgangssprachlichen Begriff „Botox“ , ein Einsatzgebiet: durch die Lähmung kleinster Muskelgruppen werden mimische Falten „geglättet“, neue können nicht mehr entstehen oder sich vertiefen.
Dieses Einsatzgebiet hat Botulinumtoxin bekannt gemacht, obwohl dieses Einsatzgebiet erst viele Jahre nach dem Einsatz im medizinischen Bereich entdeckt wurde.
Spannungskopfschmerz und Migräne
Auch in diesem Umfeld sind erst 2009 neue Studien veröffentliche worden, die die Wirkung von Botulinumtoxin auf Patienten mit Spannungskopfschmerzen und chronischer Migräne belegen. Durch Linderung der Spannung im Schulter- und Nackenbereich unterbleiben Anspannungen am Oberkopf, die als Mitauslöser für Spannungskopfschmerz und Migräne gelten.
Weitere Anwendungsgebiete
Derzeit werden weitere Anwendungen medizinisch getestet, darunter z.B. gegen die Reizblase und weitere Erkrankungen.